Ein Fliegendes Tourbillon ist ein Tourbillon, dessen Käfig nur von unten gehalten wird, fliegend gelagert und einseitig getragen statt zwischen oberer und unterer Brücke gefasst. Alfred Helwig entwickelte diese Bauweise 1920 als Lehrer an der Deutschen Uhrmacherschule in Glashütte. Ohne die obere Brücke liegen die rotierende Unruh und die Hemmung völlig frei, sodass der Käfig über dem Zifferblatt zu schweben scheint. Optisch wirkt das deutlich dramatischer als ein klassisches Tourbillon, technisch ist es aber anspruchsvoller, weil ein einseitiges Lager das gesamte Gewicht trägt und jeden Stoß von einem einzigen Punkt aus auffangen muss.
Das reinste moderne Beispiel ist das Bvlgari Octo Finissimo Tourbillon Automatic. Sein Kaliber BVL 288 misst nur 1,95 mm, besitzt einen peripheren Rotor und ein auf einem Kugellager laufendes Fliegendes Tourbillon; die Titanversion kostet rund 118.000 Dollar, die Platinversion deutlich mehr. Bei Watches and Wonders 2025 ging Bvlgari mit dem 1,85 mm flachen Octo Finissimo Ultra Tourbillon noch weiter, dem dünnsten der Welt, zu 750.000 Euro in 20 Exemplaren. Das Senator Tourbillon von Glashütte Original (etwa Ref. 1-94-03-04-04-04) liegt bei rund 95.600 Dollar und führt das Erbe Helwigs unmittelbar fort. Einen leichteren Einstieg bietet das TAG Heuer Carrera Chronograph Tourbillon mit rund 35.000 Dollar in einer Serie von 200.
Achten Sie beim Kauf zuerst darauf, wie der Käfig gehalten wird: Bei einem echten Fliegenden Tourbillon fehlt die obere Brücke, der Käfig scheint sich vom Zifferblatt zu lösen. Qualität zeigt sich am Kugellager, am Anglage entlang der Käfigkanten und daran, wie stabil die Unruh ihre Amplitude während der Drehung hält. Solche Uhren sind technische Aussagen, kein Zierrat: Rechnen Sie mit aufwendigem Service, etwas höherer Stoßempfindlichkeit als bei fester Hemmung und einem Preis, der stark in das Sichtbare fließt. Zählt Flachheit am meisten, gewinnt das Octo Finissimo; wer ausgewogenes deutsches Finissage schätzt, greift zum Senator.
Am Einstieg bieten chinesische Hersteller wie Sea-Gull eigene Fliegende-Tourbillon-Kaliber (etwa das ST8007 mit Drehung bei sechs Uhr) für rund tausend Dollar; die Verarbeitung bleibt hinter Schweizer Arbeit zurück, ist aber ein vernünftiger Weg, den Mechanismus kennenzulernen. An der Spitze lotet Breguets Expérimentale 1 die Grenzen aus, mit einem Fliegenden Tourbillon, das mit konstanter Kraft und magnetischer Hemmung bei 10 Hz dreht.